Selbstbehauptung in Konflikten Teil I
Im Laufe unseres Berufslebens geraten wir immer wieder in Konfliktsituationen mit Kollegen, Vorgesetzen, Mitarbeitern oder Kunden. Nicht selten münden diese verbalen Auseinandersetzungen in aufreibenden Dauerfehden oder schmerzhaft empfundenen, persönlichen Niederlagen.
Wie sich Konflikte bereits im Vorfeld vermeiden lassen, wie einfach die Auflösung sein kann und warum die Selbstbehauptung von einer klaren Haltung abhängt, beleuchtet Oliver Dreber, Experte für Kampf & Kommunikation, in seinem Beitrag.
Sich selbst behaupten
Selbstbehauptung, was ist das eigentlich? In allen Phasen des Menschseins (Kind, Jugendlicher, Erwachsener) geraten wir in Situationen, in denen wir uns behaupten müssen. Mit diesem Behaupten wird fälschlicherweise gerne ein „sich durchsetzen“ assoziiert, in unserer Konkurrenzgesellschaft meist als Ellebogenmentalität bezeichnet. Selbstbehauptung meint jedoch in seinem personalen Sinne die Entdeckung und Wahrung des eigenen Selbst in einer sich stets wandelnden Umwelt. Insofern berührt die Selbstbehauptung drei wesentliche Aspekte des sozialen Wesens Mensch:
- Wer bin Ich & Was will Ich?
- In welcher Situation / Umwelt befinde ich mich?
- Wie wahre ich, wer ich bin & was ich will?
Wer die ersten beiden Aspekte für sich nicht geklärt hat, wird kaum dazu gelangen, sich selbst zu behaupten. Dies gilt im familiären, freundschaftlichen und beruflichen Umfeld. Mit diesem Mangel an Selbst & Behauptung geht oftmals ein minderes Selbstwertgefühl, ein gesteigertes Harmoniebedürfnis oder eine diffuse Angst vor Zurückweisung einher.
Wer hingegen sich seines Selbst, seiner Ziele und seiner jeweiligen Umwelt bewusst ist, wird auch grundsätzlich in der Lage sein, diese zu vertreten. Insofern intendiert Selbstbehauptung zu Allererst ein Eintreten für sich, ohne auf ein Durchsetzen zu beharren. Dies bedeutet, z.B. im beruflichen Kontext, rechtzeitig ein klares „Nein“ sagen zu können und im selteneren, richtigen Moment ein „Ja“!
Konflikt ist nicht gleich Konflikt
Nicht alles, was wir in unserem Berufsleben als Konflikt wahrnehmen, ist auch ein solcher. Genaugenommen wird dieser Begriff viel zu inflationär verwendet und in modernen Kommunikationsdisziplinen wie dem Konfliktmanagement ad absurdum geführt. Denn Konflikt (lat. confligere, „zusammentreffen, kämpfen“) bezeichnet die Situation zwischen Personen, Organisationen oder Staaten in der die jeweiligen Interessen, Ziele oder Werte unvereinbar sind oder als solche erscheinen. Deswegen können echte Konflikte auch zu persönlichen Fehden, körperlichen Auseinandersetzungen, Kämpfen oder Kriegen führen. Vor diesem Hintergrund sollte man gerade im beruflichen Umfeld eher von einem Disput reden, da in diesem sog. Streitgespräch die jeweilige Gegenseite von den eigenen Argumenten zu überzeugen versucht wird. Dies würde in vielen Unternehmungen wieder eine Streitkultur fördern, deren Ergebnis nicht selten Innovation oder zumindest Optimierung ist.
Das Tückische an einem Konflikt ist, dass in den meisten Fällen die Inhalts- oder Sachebene (solange ist man noch in einem Disput) verlassen wurde und nur noch Positionen ausgetauscht werden. Hier spricht man gerne von „verhärteten Fronten“. Spätestens dann werden die Dinge sehr oft sehr persönlich genommen. Soweit sollten Sie es nicht kommen lassen.
Wer allerdings den Konflikt nur als ein mögliches Ergebnis einer verbalen Aktion versteht, ist in der Lage, diese Aktion auch richtig einzuschätzen. So kann dem Konflikt eine nett gemeinte Neckerei, eine etwas böswillige Stichelei, eine Grenzen testende Provokation oder ein gezielter Verbalangriff auf Kompetenz oder Person vorangehen. Diese Fähigkeit zur Einschätzung in Verbindung mit dem Wissen um das Selbst und der eigenen Ziele ist Voraussetzung für eine der Aktion angemessenen Reaktion.
Wenn Sie jedoch gleich jede Frotzelei des Kollegen oder Vorgesetzten als persönlichen Angriff werten, dann sind Sie auf dem besten Weg in die Konfliktfalle zu tappen.
Die Konfliktfalle – Flight, Freeze or Fight
In die Konfliktfalle tappt, wer jeden „Spruch“ persönlich nimmt. Hinter diesem persönlich nehmen“, steht das Gefühl eines Angriffs auf die Person oder besser auf die Persönlichkeit. Wer so gestrickt ist, weist in seiner Persönlichkeitsstruktur die bereits zuvor genannten Merkmale eines minderen Selbstwertgefühls, eines gesteigerten Harmoniebedürfnisses oder einer diffusen Angst vor Zurückweisung auf. Und wenn der Mensch sich angegriffen fühlt, dann springt automatisch, wie im gesamtem Tierreich auch, das limbische System an. In diesem sehr alten Teil unseres Gehirns geht es um die Verteidigung des eigenen Lebens oder anders formuliert, um das Überleben im Sinne des „struggle for life“. Das limbische System wird in diesem Moment zu unserem Autopiloten und übernimmt die Kontrolle über unser bewusstes Verhalten. Dieser Autopilot kennt nur drei Richtungen: „Zurück – Starre – Vor“ oder auch „flight – freeze – fight“. Keine dieser Autopilotrichtungen ist für die Wahrung des Selbst und für die Lösung eines potentiellen Konfliktes zielführend. Wohin diese Richtungen nicht nur in beruflicher Kommunikation führen, mag sich ein Jeder selbst vorstellen können. Zur Selbstbehauptung sicherlich nicht!